Vom Single-Channel zum Omni-ChannelIch bin ein ausgesprochener Befürworter einer agilen Vorgehensweise bei Software-Entwicklungsprojekten im eCommerce. Ich möchte euch heute einen zentralen Punkt von agilen Projektmethoden vorstellen, der sehr leicht umsetzbar ist. Es handelt sich hierbei um das „minimum viable product“ (MVP). Es wird nicht nur dazu genutzt um ein Projekt wieder auf Erfolgskurs zu bringen, sondern ist zentraler Bestandteil der agilen Methodik. MVP ist mein Favorit, wie man Online-Projekte vorantreiben sollte. Insbesondere wenn es ein Ungleichgewicht zwischen Budget und Timeline gibt, weil häufig die Business-Anforderungen einer „eierlegenden Wollmilchsau“ gleichen und eine termin- und budgetgerechte Umsetzung unmöglich ist.

Die Idee von MVP und die weiteren planbaren Schritte gliedern sich im Wesentlichen in diese Schritte:

  1. Analyse der wichtigsten primären Ziele und Prozesse, z.B. ERP-Anbindung, Templating, …
  2. Identifikation der minimalsten, aber akzeptablen Lösungen, z.B. Bestellabwicklung im Shop, ERP, …
  3. MVP möglichst früh produktiv nutzen und Erfahrungen sammeln, z.B. Plattform live nehmen
  4. Weggelassene Funktionalitäten durch manuelle Schritte ersetzen, z.B. Magento-CMS, Magento Mails, …
  5. Priorisierung der nächsten Themen und Arbeitserleichterungen, z.B. CMS automatisieren, Mailversand, …
  6. Inkrementelle Verbesserungen & Erweiterungen, z.B. 2-wöchige Deployments mit neu fertiggestellten Features
  7. Finaler Go-Live aller Shopsysteme, z.B. fehlende Features priorisieren und als Daily Business abwickeln

Bitte lest euch auch den nachfolgenden Blog-Beitrag „Agile Series: Wie Sie mit dem MVP Ihr Projekt in den Griff bekommen“ von Conciso durch, dort wird MVP wunderbar erklärt.

Budget- und Termin-Planung

In aller Regel sind die Projekt-Verantwortlichen und Führungskräfte frühzeitig gezwungen, sowohl Budget als auch Timeline zu planen. Bei den allermeisten Relaunch- oder Go-Live-Projekten ist es meine allererste Aufgabe sich über den Stand der Themen und Anforderungen einen Überblick zu schaffen. In Wasserfallprojekten wird hierfür viel Zeit investiert. Bei agilen Projekten will man alles on-the-fly erarbeiten. Diese Sammlung führe ich meistens in Form eines Backlogs durch, wo alle Themen notiert werden und deren Priorisierung vorgenommen wird. Um auch nur annähernd den Zieltermin einhalten zu können sind meistens harte Einschnitte notwendig und ein Verzicht auf allerlei Features. Geschäftsführung, Führungskräfte und meistens auch die einzelnen Projektteilnehmer versprechen sich durch den neuen Onlineshop eine massive Optimierung und viele neue Features, auf die man schon so lange wartet. Immer im Fokus steht der Wunsch nach der eierlegenden Wollmilchsau und der Lösung aller Probleme. Die Führungsriege erwartet natürlich massive Umsatzsteigerungen, obwohl das meist illusorisch ist. Motivation und Ideenreichtum sind zwar einerseits hilfreich für die Themensammlung, aber andererseits Gift für die Terminplanung. Zu viele Wunschthemen, unvollständige Anforderungen und nicht vorhandene Zulieferleistungen verschieben den geplanten Go-Live unerklärlicherweise auf den Sankt Niemerleinstag.

Projekte auf Spur bringen

Ist erstmal der Umfang der Themen abgesteckt, steht die Dokumentation von Anforderungen im Mittelpunkt. Besondere Zeitfresser sind:

  • Einführung neuer Systeme
  • Planung von Schnittstellen
  • Änderung diverser Abläufe
  • Automatisierung von Features
  • Schulung von Mitarbeitern

Ein Krisen-Meeting nach dem anderen sind wenig hilfreich, wenn es an zeitlichen Ressourcen und finanziellen Engpässen nichts zu rütteln gibt. Oftmals muss man in länger laufenden Projekten, regelmäßig mit neuen Enttäuschungen leben:

  • Verspätete Zulieferleistungen
  • Geänderte Anforderungen
  • Fehlende Kompetenzen
  • Ausfälle von Personal
  • Nicht geplante Zusatzkosten
  • Technische Schwierigkeiten
  • Neu benötigte Features
  • Inkompatible Plugins

Es gibt einfach viel zu viele Probleme, unplanbare Schwierigkeiten und fehlerhafte Planungen, die häufig durch eine unglückliche oder unrealistische Ressourcenplanung entstehen. Im Grunde ist das nahezu das Alltagsgeschäft eines jeden Projektleiters. Mit diesen Unwägbarkeiten muss man einfach leben. Überall macht man sich unbeliebt, weil man Projektbeteiligte ständig einbezieht und Rückmeldungen einfordert, da Projektzeiten selten ressourcen- bzw. zeitmäßig im Daily Business eingeplant sind. Jeder Projektleiter steht daher quasi dauerhaft unter erheblichem Leistungsdruck gemäß dem „Magischen Dreieck“:

  • Qualität: Streichen von Anforderungen
  • Zeit: Verschieben von Terminen
  • Kosten: Überschreiten von Budgets

Echten Mehrwert realisieren

Mit dem MVP-Ansatz ist es ein leichtes, die wichtigsten Features herauszufinden und anschließend anzugehen. So ist es möglich für die Anwender bereits in frühen Schritten oder ersten Sprints einen großen Nutzen zu realisieren. Eine Verschiebung von Prioritäten funktioniert nur durch die Einbindung aller Betroffenen. Ein Product Owner kann genau diese Aufgabe übernehmen und die Terminplanung von Sprints beeinflussen, gleichzeitig auch bei entsprechenden Abteilungen für Verschiebungen und Umpriorisierungen werben. Darin liegt auch einer der größten Vorteile von agilen Entwicklungsmethoden.

Beim Wasserfallmodell ist ein großer schwerfälliger Tanker unterwegs, der seine Richtung nur langsam ändern kann. Bei agilen Methoden vergleicht man es bevorzugt mit einem Speedboot, dass je nach Bedarf sowohl Richtung als auch Geschwindigkeit anpassen kann. In aller Regel lassen sich Kunden, Mitarbeiter und Abteilungen leichter überzeugen auf „goldene Wasserhähne“ zu verzichten, weil man sich gemeinsam auf den wesentlichen Nutzen des Projekts fokussiert. Natürlich ist der Go-Live Termin immer extrem kritisch, weil man mehr möchte als das alte System bietet. Aber die Parallelität von aktuellem System und neuer Entwicklungsumgebung bindet oft zusätzliche Ressourcen. Ist man jedoch erstmal live gegangen, kommen neue Features viel schneller zum Einsatz.

Aus diesem Grund verfolge ich immer öfter einen beliebten Ansatz aus der agilen Methodik: „minimum viable product“ (MVP). So kann man sich weiterhin auf den geplanten Zieltermin fokussieren, jedoch eher auf ein minimal existenzfähiges Produkt. Das ist nicht unbedingt das perfekte 100-prozentige Zielbild, was ursprünglich geplant war. Meist ist die 80-Prozent Lösung völlig ausreichend und der Shopkunde bekommt davon kaum etwas mit. Das funktioniert oftmals überraschend gut, wenn man zu folgendem bereit ist:

  • Gewünschte Automatisierungen durch manuelle Lösungen ersetzen
  • Nötige Konfigurationsfunktionen in ein späteres Release verschieben
  • Go-Live von kleinen Sub-Shops vorziehen und Erfahrungen sammeln
  • Große Featurepakete vorerst komplett weglassen
  • uvm.

Primäre Ziele des Projektes

Die Vorgehensweise ist nicht so einfach, weil insbesondere die Geschäftsführung meist ganz andere Pläne und Vorstellungen hat. Hier steht der Go-Live Termin im Mittelpunkt und sofort danach die Umsatzsteigerung. Diese idealtypische Herangehensweise ist jedoch eher selten erreichbar. Deshalb ist es umso wichtiger die primären Ziele des Projektes zu verstehen, die häufig in der Digitalisierung stecken:

  • Identifizieren von Stakeholdern und deren primären Nutzen
  • Optimieren der Prozesse und der Wertschöpfungskette
  • Umsetzen neuer Features die neue Umsätze generieren
  • Automatisieren von Abläufen die Arbeitserleicherungen versprechen
  • Vermeiden von Medienbrüchen die eine Prozessbeschleunigung bringen
  • Vereinfachen der Logistik und Sendungsverfolgung
  • Implementieren neuer Marketingmöglichkeiten
  • usw.

Nur wer diese Punkte versteht, kann gemeinsam mit dem Kunden eine klare Reihenfolge planen. Ich versuche hierbei immer die Prio (= Nutzen) und den Aufwand nebeneinander zu stellen. Im Hinblick auf die primären Ziele lassen sich dann meist recht eindeutig die Prioritäten in eine zeitliche Reihenfolge bringen. Wobei ich in aller Regel hohen Nutzen mit geringem Aufwand zuerst umsetzen lassen. Zum Schluss kommen die immer noch notwendigen Themen mit geringerer Priorität und zugleich hohem Aufwand.

Kleine Schritte planen

Hat man erstmal die Reihenfolge im Team klar gestellt, geht es daran die Themen in möglichst kleine Aufgabenpakete zu zerlegen. Hierfür ist das Anforderungsmanagement einfacher umsetzbar, da die einzelnen Pakete leichter planbar und besser überschaubar sind, z.B. Zahlart XYZ, Layout Produktseite, Warenkorb, etc. Speziell diese kleinen und überschaubare Pakete erleichtern die Bearbeitung. Zugleich schaffen sie im Team und auch beim Kunden verloren gegangenes Vertrauen und steigern die Motivation. Versuchen sie so, die minimalen Prozesse zum Laufen zu bekommen:

  1. Produktinformationen sammeln und an Online-Shop übergeben
  2. Bestellinformationen im Shop generieren und an ERP übertragen
  3. Versandinformationen an Logistik und Verkaufskanäle weiterleiten

Neue Datenfelder und Schnittstellen führen zeitnah zu den ersten Lösungen. Ausnahmen lassen sich im Nachgang viel leichter ergänzen, wenn die Standard-Lösungen implementiert wurden.

Sehr hilfreich beim MVP ist es auch die Rahmenbedingungen zu vereinfachen, man muss nicht unbedingt sofort mit dem großen Ganzen starten, sondern kann auch mit Insellösungen loslegen. Mit geeigneten Einschränkungen kann der Go-Live auf einen anderen Prüfstein starten:

  • Deployen der fertigen Lösung in kleinere Länderdomains
  • Ersetzen automatisierter Prozesse durch manuelle Lösungen
  • Optimieren der Benutzerführung nach dem Go-Live starten
  • Ausspielen der Produktbilder nicht sofort auf CDN umstellen
  • Vereinfachen der Mobil-Darstellung (auch wenn SEO dagegen)
  • Umstellen der Hosting-Technik zu einem späteren Zeitpunkt
  • etc.

MVP-Fazit

Sicherlich ist es nicht einfach einerseits ein positives Kundenerlebnis im Online-Shop sicherzustellen und andererseits den Funktionsumfang zu reduzieren. Aber oftmals führt bei Projekten kein anderer Weg zum Ziel. Hat der Auftraggeber das erstmal verstanden, dann wird man feststellen, dass sowohl Team und Kunde sehr kreativ beim Einsparen werden. Zumal es für die Nutzer im Online-Shop oft nicht ersichtlich ist, wie im Backend die Prozesse ablaufen. Ich versuche meinen Kunden immer wieder klarzumachen, auf vermeintlich dringend notwendige Sonderlocken zu verzichten und sich stattdessen gemäß dem Pareto-Prinzip auf den 80%-Anteil zu fokussieren. Das klappt nicht immer, aber sehr sehr häufig!

minimum viable product (MVP)